#9 Hinter Badener Türen

Shownotes

Mehr über die Badener Zeitspur

Der Podcast über die Geschichte von Baden bei Wien – mit Gabriele Hasmann und Silvia Eitler.

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Musik

🎵 „Lemonade“ – Shtriker Big Band
Musik bezogen über Artlist.

Shtriker Big Band auf Artlist

Transkript anzeigen

00:00:04: Schön, dass ihr erneut unserer Zeitspur folgt.

00:00:07: In der heutigen Folge beschäftigen wir uns mit kleinen und großen Alltagsgeschichten aus dem Baden des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts – mit Menschen die hier lebten liebten arbeiteten hofften stritten verschwanden und manchmal einfach nur versuchten eine Ziege oder ein paar zu große Schuhe loszuwerden!

00:00:25: klingt verlockend, wenn noch auf eine etwas merkwürdige Art.

00:00:30: Mir drängt sich die Frage auf in welchem Verhältnis die Ziege und das paar Schuhe zueinander

00:00:35: stammen.".

00:00:35: Dazu kommen wir später noch.

00:00:37: Aber bevor wir uns damit beschäftigen, schauen wir uns Baden einmal mit etwas anderen Augen an!

00:00:42: Wir werfen beim Spazieren durch die Straßen und Gassen heute keinen Blick auf prächtige Hausfassaden mit verspielten Reliefs kunstvollen Stuckornamenten oder anderen architektonischen Details.

00:00:54: Wir besuchen auch keinen Park, kein Caféhaus und keine kulturelle Veranstaltung.

00:00:59: Ui jetzt wird es spannend... Und ich weiß, was kommt.

00:01:02: Wir nehmen heute den einen oder anderen Zugang zu spannenden, berührenden und zugleich vergessenen Geschichten der Stadt unter die Lupe.

00:01:10: Zugang ist ja wortwörtlich zu verstehen – es sind nämlich die Türen, die uns Einlass gewähren in den Alltag der Badener von Einst.

00:01:18: Genau!

00:01:18: Denn hinter vielen Badener Haustüren haben sich Szenen abgespielt, die manchmal interessanter und kurioser sind als die im Leben jener Persönlichkeiten, die sich offiziell in die Stadtgeschichte eingeschrieben haben….

00:01:30: Daher heute wenig Kaiser, wenig Beethoven und keine Lobeshymnen auf hohe Herrschaften und verdiente Würdenträger.

00:01:38: Jedenfalls nur in homöopathischen Dosen.

00:01:40: Mich interessieren diesmal vor allem jene Menschen, die aus einem bestimmten Grund den

00:01:45: wir heute beleuchten?

00:01:46: Nur ein einziges Mal in einer alten Zeitung aufgetaucht und danach wieder aus der Stadtgeschichte verschwunden sind.

00:01:53: Das gefällt mir sowieso am besten.

00:01:54: Geschichte besteht ja nicht hauptsächlich als Leuten nach denen später Straßen benannt werden sondern vorwiegend aus Menschen wie du und ich

00:02:02: Zum Beispiel aus einer Sängerin, die kaum etwas verdient.

00:02:05: Eine Hausgehilfe in deren Einbrecher verfolgt... ...einer Mutter, die auf ihren verschwundenen Sohn wartet.

00:02:10: Und eine Frau mit Schuhen in der falschen Größe!

00:02:13: Ich wusste, dass du dort hängen bleibst!

00:02:15: Natürlich!

00:02:17: Weltreiche kommen und gehen?

00:02:18: Aber wenn Du Größe 36 hast und der Schuh siebenunddreißig ein halb, Hast du ein konkretes

00:02:23: Problem?!

00:02:24: Genau das macht Alltagsgeschichte so schön.

00:02:27: Man kann lachen, staunen und plötzlich ganz still werden.

00:02:31: Ob er das mit dem Stillwerden bei mir bekanntermaßen die größte Herausforderung darstellt.

00:02:36: Ich wollte es nicht

00:02:37: sagen!

00:02:38: Hast du aber gedacht?

00:02:39: Ja, allerdings wäre Schweigen bei einem Podcast auch echt kontraproduktiv.

00:02:44: Da

00:02:44: sagst Du was... Aber machen wir nun endlich unseren Zeitsprung hinein ins ganz normale und manchmal gar nicht so normale Badener Leben von anno Dazumal und schauen hinter eine unserer Badener Türen

00:02:56: Beginnend wie in der Christallniggasse 21

00:02:59: Dort lebte Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts Lucia Reindler, eine Dame der Badener High Society

00:03:06: High Society klingt sofort nach Champagner und Personal!

00:03:11: Lucia betätigte sich jedenfalls als Kunstvermittlerin und konnte laut ihrer Inserate in einer Badener Zeitung mit besten Empfehlungen aus hervorragenden Kreisen aufwarten.

00:03:22: Hervorragende Kreise?

00:03:24: Klingt ein wenig versnobt... Nicht einfach Kontakt zu bekannten Größen auf der Kulturszene, Kreise.

00:03:31: Gute Beziehungen also?

00:03:32: Aber mit mehr Samt!

00:03:34: Sie pflegte jedenfalls Verbindungen zur musikalischen Elite der nahen Großstadt

00:03:38: Wien?

00:03:39: Ja

00:03:40: Man hätte in der Anzeige auch Wien schreiben können

00:03:42: aber musikalische Elite der Nahe Großstadt klingt teurer

00:03:46: Stimmt.

00:03:47: Dafür kann man schon Vermittlungsprovision verlangen

00:03:50: womit wir beim eigentlichem Problem wären.

00:03:52: Aha

00:03:53: In Luzias Wohnung gab nämlich eine ehemalige Hofopernsängerin namens Silvány

00:03:58: Ich hoffe, ich habe das jetzt richtig ausgesprochen.

00:04:01: Gesangsunterricht!

00:04:02: Opernsängerin?

00:04:04: Sehr mondän.

00:04:05: Finanziell offenbar weniger.

00:04:07: Autsch!

00:04:08: Silvány soll laut eigener Aussage Schülerin des berühmten Gesangslehrers Francesco Lamberti in Mailand gewesen sein.

00:04:16: In den Listen der Wiener Opernsängerin scheint sie allerdings nicht auf...

00:04:20: Vielleicht war sie kurz in Italien?

00:04:23: Jedenfalls sollte Silvány unter dem wachsamen Auge von Lucia Reindler, talentierten Mädchen aus ärmeren Familien, kostengünstig Unterricht erteilen und sie ausbilden.

00:04:33: Das finde ich schön!

00:04:34: Ist es

00:04:34: auch?!

00:04:35: Nur schnitt ihre Auftraggeberin bei dem ohnehin bescheidenen Honorar als Vermittlerin auch noch mit und kassierte einen erheblichen Teil.

00:04:43: Moment… Silvány singt, Silvány unterrichtet, Silvány bereitet vermutlich die Stunden vor...

00:04:49: und leztere vermittelt, verdient dabei auch noch ein Haufen Kohle.

00:04:53: Das Geschäftsmodell hat sich bis heute erstaunlich gut gehalten.

00:04:56: Dabei hatte die angebliche Hofopern-Sängerin nach Glück denn für Frauen waren die Möglichkeiten den eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten damals ohnehin sehr beschränkt

00:05:05: und Unterricht war eine der halbwegs gesellschaftlichen Varianten.

00:05:09: Klavier, Gesang, Sprachen, Handarbeiten – oft in privaten Wohnungen.

00:05:14: Das funktionierte natürlich nur so lang ohne Gerede der Nachbarn, solange die Künstlerinnen oder Lehrerinnen Frauen- oder Kinder unterrichteten.

00:05:22: Wollten Männer ein Musikinstrument spielen singen?

00:05:25: Eine Fremdsprache oder Stricken lernen mussten sie lange nach einer geeigneten Person suchen, die ihnen die entsprechenden Kenntnisse vermittelte

00:05:33: Vor allem

00:05:34: Stricken lernen.

00:05:38: Heute ist natürlich vieles anders, jeder erteilt jedem der dafür bezahlt Privatunterricht.

00:05:44: Wir haben außerdem die VHS oder entsprechende Kurse an anderen Instituten Und niemand muss mehr befürchten dass allein die Anwesenheit eines Mannes aus einer Klavierstunde einen Gesellschaftskandal macht

00:05:56: Wobei nicht auszuschließen ist, dass es auch früher zu Bestechnungen kam.

00:06:01: Wenn ein nobler Herr der Reindler genug Geld bot schickte sie ihn vermutlich trotzdem zur Silvány.

00:06:06: Allerdings musste der Kunde dann vermutlich heimlich eingeschleust werden damit der Ruf in diesem ehrenwerten Haus gewahrt blieb.

00:06:13: Und jetzt wird die Geschichte noch besser.

00:06:15: Da geht noch was?

00:06:17: Im Sommer 1903 hat sich im selben Haus ein gesuchter Raubmörder aus Wien versteckt.

00:06:22: natürlich

00:06:23: Während Silvány nebenan Gesangsunterricht gab.

00:06:26: Das ist jetzt wirklich Baden in Reinkultur.

00:06:29: In einem Zimmer singt ein Mädchen Tonleitern, im anderen sitzt ein Raubmörder und hofft das keiner klopft.

00:06:35: Schließlich wurde der Mann erkannt – und im August

00:06:37: stürmten

00:06:38: badener Polizisten ins Haus und nahmen ihm fest!

00:06:41: Und die Nachbarn haben zu spekulieren begonnen nämlich dass sich die Hofopernsängerin bei der sich vermutlich um die Geliebte des Verbrechers handelte mit dessen Hilfe Lucia Reindler den Chaos machen wollte weil diese sie finanziell ausgebeutet hatte.

00:06:55: Bewiesen werden, konnte gar nichts.

00:06:57: Aber Silvány zog schließlich aus weil man der noblen Dame mit den besseren Kreisen fortan misstraute und keine Aufträge mehr gab und die anderen Hausbewohner hinter vorgehaltener Hand über sie tuschelten.

00:07:10: Klatschmäuler gab es immer schon!

00:07:11: Und auch daran hat sich bis heute nicht geändert.

00:07:14: Kunstvermittlung, schlechte Bezahlung Gesangsunterricht und ein Raubmörder im Nebenzimmer.

00:07:19: eine abwechslungsreiche Adresse.

00:07:21: Da kann mein Homeoffice nicht mithalten.

00:07:24: Von einer Frau, die ihr Geld mühsam verdiente kommen wir zu mehreren Leuten, die um Kundschaft kämpften.

00:07:30: Ende des neunzehnten Jahrhunderts entstand in Baden mehrere koschere Restaurants für jüdische Kurgäste.

00:07:36: Baden war schließlich internationales Kurpublikum gewohnt.

00:07:40: Besonders beliebt war das zum Fuchsen von Marie Rausnitz und das Restaurant von Nathan Schei in der Annagasse 23

00:07:49: Zwei Lokale!

00:07:49: Das geht noch.

00:07:50: Dann eröffnete das bekannte Wiener Restaurant Tonello in Baden ganz in der Nähe der Konkurrenz eine Filiale.

00:07:57: Jetzt wird's ungut!

00:07:59: Die Wirte konnten einander irgendwann nicht mehr ausstehen und begannen sich zu bekämpfen, im Baden sprach man schließlich vom Scholletkrieg.

00:08:07: Dabei wurde allerdings nicht mit Kanonen geschossen

00:08:10: sondern höchstens mit Fleischbällchen geworfen.

00:08:13: Andere Länder hatten Erbfolge-Kriege, Baden hat den Schollet-Krieg.

00:08:17: Schollet ist übrigens ein traditionelles Bohnengericht für den Shabbat.

00:08:21: Mit Fleischbällchen,

00:08:23: genau!

00:08:23: Und wie ging die Geschichte weiter?

00:08:26: Die Wirte verbreiteten Gerüchte übereinander – die Gäste trugen diese begeistert weiter und nutzen den Konkurrenzkampf sogar um die Preise zu drücken.

00:08:34: Schließlich stand ein wichtiger jüdischer Kongress bevor, für den sehr viele Menschen verköstigt werden mussten

00:08:41: Und plötzlich blieb den Kampfhähnen nichts anderes übrig als zusammenzuarbeiten, um alle hungrigen Mäuler zu stopfen.

00:08:48: Nichts schlichtet Streit so zuverlässig wie ein Großauftrag, dem man nur zusammen stemmen kann!

00:08:53: Ich mag diese Geschichte, weil sie versöhnlich ausgeht.

00:08:56: Eine andere meiner liebsten Geschichten spielte im Schiestlhof in der Annagasse 20.

00:09:02: Jetzt

00:09:02: kommen die Schwalben!

00:09:03: Richtig... Damals brach im Herbst dieses Jahres plötzlich starke Kälte mit Schneefall heran.

00:09:09: Zahlreiche Schwalbe hatten ihren Zug in den Süden noch nicht geschafft und waren erschöpft.

00:09:13: Und man hat sie im Schüsselhof einquartiert?

00:09:15: Ja ... Der Badener Tierschutzverein brachte die Vögel dort vorübergehend unter.

00:09:20: Und jetzt

00:09:20: bitte was

00:09:22: das Wort

00:09:23: Schwalbenflugzeug.

00:09:25: Danke!

00:09:26: Die Tiere wurden nämlich nach Wien gebracht und von dort mit sogenannten Schwalbenflugzeugen in den Süden transportiert,

00:09:33: Und ich habe jetzt gleich einen winzigen Check-in-Schalter im Kopf.

00:09:37: Bitte nicht

00:09:38: Frau Schwalbe.

00:09:39: Fenster oder Gang?

00:09:41: Ich bin ein Vogel Hallo Gepäck Nein Gefieder Lebensmittel zu verzollen Zwei Würme und ein paar Bröseln

00:09:48: Ach, Gnade!

00:09:49: Ich finde diese Geschichte nämlich besonders schön.

00:09:52: 1936 war nämlich keine sorgenfreie Zeit.

00:09:55: Trotzdem gab es Menschen die sagten: Diese Tiere schaffen wir es nicht allein also helfen wir ihnen.

00:10:00: Ja das berührt mich auch.

00:10:02: Alltagsgeschichte zeigt eben nicht nur was Menschen gearbeitet gegessen oder gekauft haben

00:10:07: sondern auch was ihnen nicht egal war.

00:10:09: und manchmal sagt eine gerettete Schwalbe mehr über Menschen als eine dreiseitige Festrede

00:10:14: Wobei die Geschichte leider aktueller ist, als man glauben möchte.

00:10:18: Birdlife Österreich hat erst im Jahr 2026 vor dramatischen Bestandseinbrüchen bei Schwalben gewarnt.

00:10:24: Bei der Mehlschwalbe ist der Bestand seit 1998 um rund sechzig Prozent zurückgegangen.

00:10:30: Heute sind Schwalbennester übrigens gesetzlich geschützt und dürfen nicht einfach entfernt werden.

00:10:35: Und 1936 hat man ganze Flugzeuge organisiert, um die Tiere retten zu

00:10:39: können

00:10:40: Schwalbenflugzeuge.

00:10:41: Danke, dass du das Wort noch mal gesagt

00:10:43: hast!

00:10:44: Gerne geschehen, solange du sie nicht wieder einchecken lässt... ...versprochen.

00:10:48: Wir bleiben bei Tieren.

00:10:50: Die Ziege Antonsgasse 8 Dezember neunzehn neunundvierzig.

00:10:54: Ich

00:10:54: bin bereit.

00:10:55: In einem Inserat wurde eine sogenannte Sahneziege angeboten, Erstmalig melkend.

00:11:01: Ich frage mich schon die ganze Zeit was genaue Sahneziege ist.

00:11:04: Kann man sich im Alter schon fertiges Schlagobers?

00:11:07: ich

00:11:07: kann.

00:11:08: Jetzt fällt mir wieder ein, was ich bei meiner Arbeit am Buch Badener Türen erzählen dazu recherchiert habe.

00:11:13: Sahneziege bezeichnete früher umgangssprachlich und ziemlich despektierlich eine ältere meist wohlhabende Frau die sich einen deutlich jüngeren Liebhaber hielt bzw.

00:11:24: Jüngeren Männern zugetan war.

00:11:26: Die Sahneziege von Anno.

00:11:27: Dazumal ist die Sugarmami von heute.

00:11:30: Ich bin verwirrt!

00:11:31: Wir nehmen heute doch die Alltagsgeschichten auf.

00:11:33: Die Folge erotisches Baden ist doch schon gelaufen.

00:11:36: Wohl war nur ein kleiner Schlenkerer.

00:11:39: Also, die Sahneziege war eine Ziege, die besonders fettreiche Milch gab und in unserem Inserat wurde sie gegen Münzen oder Heu abgegeben.

00:11:47: Also entweder Geld oder Naturallien – nur ernst gemeinte Zuschriften erbeten!

00:11:53: Ehrlich gesagt hat eine Anzeige der Frau Sahne-Ziege auch so ausgesehen.

00:11:57: Außer das mit dem Heu.

00:11:59: Du zerstörst mein Inserat.

00:12:01: Ich bin schon wieder ernst Aber was ich an den Annoncen in alten Zeitungen liebe?

00:12:05: Große Politik draußen

00:12:07: und drinnen sitzt jemand und denkt sich, ich muss die Ziege anbringen!

00:12:11: Genau deshalb sind die Kleinanzeigen so spannende

00:12:13: Quellen da taucht der Alltag auf

00:12:16: Da wurde angeboten und gesucht Tiere Möbel Schmuck Musikinstrumente Haushaltsgegenstände Unterricht Dienstboden Partnerschaften bis hin zu Gebissen Perücken Mittel gegen Haarausfall Sommersprossen oder „Nervenschwäche“, Wahrsager …

00:12:29: Gabi

00:12:31: Ja

00:12:32: Kommen wir zu den Schuhen.

00:12:33: Endlich!

00:12:34: September, 1943 Bahngasse 5 fünf eine Frau Drews besaß schwarze sämische Pumps mit französischem Absatz in Größe siehunddreißig ein halb.

00:12:45: leider brauchte sich aber größer 36.

00:12:47: Deshalb wollte Sie die Pumps gegen ähnliche Schuhe tauschen.

00:12:50: Elegante Keilschuhe wären ebenfalls akzeptiert worden.

00:12:54: 1943 war es nicht so einfach neue Schuhe zu kaufen.

00:12:57: Kleidung und Schuhwerk waren knapp, daher teuer.

00:13:00: Man reparierte, tauschte und trug Dinge wesentlich

00:13:03: länger.".

00:13:04: Das macht das Inserat plötzlich viel weniger lustig.

00:13:07: Irgendwo im Baden saß nämlich vielleicht eine Frau mit Größe 36 und dachte, wenn ich doch nur 37 einhalb hätte.

00:13:14: Bedauerlicherweise wissen wir nicht wie der angedachte Schuhtausch ausging!

00:13:18: Ja leider... Eine weitere Geschichte mit offenem Ende gibt's.

00:13:21: in der Breyerstraße eins Vor der Eingangstür dieses Hauses stürzte im Jahr 1888 die achtzehnjährige Mathilde Zavorek auf das Trottoir, zerriss sich die Strümpfe und verletzte sich am Knie.

00:13:35: Ein junger Mann eilte herbei half ihr hoch beruhigte sie und klopfte ihr den Schmutz von der Kleidung.

00:13:41: Sehr galant!

00:13:42: Ja, Matilde humpelte nach Hause.

00:13:44: Der junge Mann ging weiter dachte danach aber offenbar ziemlich intensiv an sie

00:13:50: Denn er gab ein Zeitungsinserat auf.

00:13:52: Er suchte das Fräulein, dass vor der Breyerstraße eins zu Boden gegangen und – so formuliert er es – in seinen Armen wieder hochgekommen war.

00:14:01: Offenbar echtes Interesse!

00:14:03: Es handelte sich also ziemlich sicher um keinen Heiratsschwindler.

00:14:07: Davon gab es damals ja genug.

00:14:09: Und die gingen mittels Zeitungsannonce auf Beutefang.

00:14:12: Du bist so unromantisch….

00:14:13: Ich erörtere lediglich die Faktenlage.

00:14:16: Unser junger Mann jedenfalls bat das gefallene Mädchen, also die junge Frau, die gestürzt war, sich zu melden.

00:14:22: Und?

00:14:23: Wissen wir nicht!

00:14:23: Das macht mich

00:14:24: fertig.

00:14:25: Immer

00:14:25: noch?!

00:14:25: Natürlich!

00:14:26: Ich möchte wissen ob sie geheiratet hat.

00:14:28: Nicht

00:14:28: jede Geschichte hat ein Happy End aber speziell in diesem Fall wünschen wir es uns.

00:14:33: Heute wäre die Sache jedenfalls nach drei Stunden geklärt, zumindest in so einem kleinen Städtchen wie Baden.

00:14:38: Der junge Mann stellt seine Suche auf Facebook oder Instagram und irgendwer würde schreiben das war die Mathilde!

00:14:44: Die wohnt in der Fußgängerzone neben der Trafik

00:14:47: Und fünf andere Leute würden erklären dass sie es sicher nicht war.

00:14:52: Einfaches Prinzip.

00:14:53: Dann meldet sich eine Kusine und bestätigt die Adresse neben der Trafik.

00:14:57: Dann schreibt wer anderer in die Kommentare dass die Zigaretten furchtbar teuer geworden sind

00:15:01: und der nächste mäckert über die Parkplatz-Situation rund um die Fußgängerzone.

00:15:06: Am besten wir schauen uns die nächste Alltagsgeschichte an, sie handelt von einer Frau vor der sich die Männer eher fürchteten als sie verehrten, Roberta Trittremmel –

00:15:16: da ist sie endlich!

00:15:17: Du hast auf Sie gewartet?

00:15:19: Roberta ist meine Helden!

00:15:21: Jänner 1928, Hildegardgasse 17 244 00:15:24.610 --> 00:15:27.910 Der zwanzigjährige Franz Hais brach das Schloss der Haustür auf.

00:15:28: Schlechte Idee...

00:15:29: Da stellte es sich sehr schnell heraus.

00:15:30: Die dort beschäftigte Hausgehilfin beobachtete den Einbrecher nämlich und nahm gemeinsam mit dem Hund ihres Arbeitgebers die Verfolgung auf.

00:15:39: Stell dir die Szene bildlich vor Franz rennt, hinter ihm Ruberta, hinter ihr der Hund!

00:15:44: Franz Hais floh durch die Hildegardgasse, hielt kurz vor dem damaligen Bierdebot der Brauerei Liesing an und lief weiter Richtung Trottmann-Mühle.

00:15:52: Und genau dort wo damals Bier hergestellt wurde und der Einbrecher kurz verschnaufte sitzt heute

00:15:58: die Stadtpolizei Baden

00:15:59: Herrlich.

00:16:00: Heute wäre seine Route also noch ungünstiger, denn die Sicherheitswache in der Hildegardgasse Sechs ist täglich rund um die Uhr besetzt.

00:16:07: Die Nachbarn alarmierten damals die Polizei und Hais wurde festgenommen – mit zwanzig hatte er schon mehrere Vorstrafen und insgesamt 72 Monate Gefängnis hinter sich.

00:16:18: Der Mann hat seine kriminelle Laufbahn wirklich früh begonnen.

00:16:21: Ruberta bekam von ihrem Arbeitgeber eine kleine Belohnung und der Hund hoffentlich eine große Wurst!

00:16:26: Von einer Frau, die einen Mann verfolgte zu eine Frau, der von einem Mann verfolgt wurde.

00:16:32: Mariengasse 5 im Jahr 1910

00:16:35: Eine Bewohnerin vermietete ein Gästezimmer an einen Sommergast.

00:16:39: Der verliebte sich in seine charmante Wirtin, die ihn bei der Jause mit selbst gebackenem Guglhupf verwöhnte.

00:16:45: Aber die Frau war bereits verlobt und erwiderte seine Gefühle nicht!

00:16:49: Klare Sache Für

00:16:51: ihn offenbar nicht.

00:16:52: Er überhäufte sie mit Geschenken und stellte ihr Tag und Nacht nach

00:16:56: Also etwas, das man früher gerne mit hartnäckiger Verehrer verniedlicht hat.

00:17:00: Heute würden wir von Stalking sprechen.

00:17:02: Zu Recht!

00:17:03: Mich wundert allerdings dass der Verlobte der Dame nicht ein paar Takte mit dem Mann gesprochen hat.

00:17:08: Vielleicht wollte er wissen wie sich seine Zukünftige verhält?

00:17:11: Die wusste sich jedenfalls auch alleine zu helfen, setzte ihren aufdringlichen Gast nach zwei Wochen schließlich vor die Tür und verbot ihm jeden weiteren Besuch.

00:17:19: Lass mich raten, Er hielt sich nicht daran.

00:17:22: Nein, daraufhin wählte sie einen erstaunlichen Weg.

00:17:25: Sie machte die Nachstellungen per Zeitungsinserat öffentlich und kündigte an jede weitere Kontaktaufnahme zu

00:17:31: ignorieren.".

00:17:33: Die Frau hat iihn 1910 analog geblockt

00:17:36: Der Mann gedemütigt und dem Spott der Badener einer preisgegeben suchte darauf hin eilig.

00:17:41: das Weite

00:17:42: hat funktioniert.

00:17:44: Heute darf eine Betroffene ihren Verfolger nicht öffentlich beschuldigen und auch nichts an den virtuellen Branger stellen, es könnten dabei nämlich Persönlichkeitsrechte verletzt werden um der Bloßstellung Unterlassungsansprüche- und Schadenersatzfragen folgen.

00:17:57: Auch bei Straftaten gelten gewisse Regeln.

00:18:00: Stalking ist in Österreich als beharrelliche Verfolgung strafrechtlich erfasst und in jedem Bundesland gibt das Gewaltschutzzentren die Betroffene kostenlos unterstützen.

00:18:10: Da hat sich wirklich etwas Entscheidendes verändert.

00:18:12: Nicht die Frau muss sich überlegen, wie sie den Mann endlich los wird sondern der Mann hat ein rechtliches Problem weil er ihr Nein ignoriert!

00:18:20: Der freundliche Umgang einer Frau mit einem Mann war ja früher eine Art Freibrief für Übergriffigkeit

00:18:25: und das Interesse eines Mannes an einer Frau.

00:18:27: sollte dieser schmeicheln

00:18:29: In der Art von: sei doch froh dass sich so einer um dich bemüht.

00:18:33: Dabei ist ein Nein sicher kein Vorspiel zu einem Vielleicht

00:18:36: Hoffentlich verstehen dass die Männer irgendwann und hören auf sich mit Gewalt zu nehmen was ihnen verwehrt wird.

00:18:42: Mehr dazu werden wir sicher in unserer Folge Verbrechen im Baden verraten.

00:18:45: aber jetzt geht es erstmal wieder weiter mit den Alltagsgeschichten.

00:18:49: Ja Jetzt zu einer Geschichte bei der Erfolg und Tragödie sehr nah beieinander liegen Und sie betrifft das Café Ebruster.

00:18:56: Josef und Therese Ebruster verdienten ihr Geld ursprünglich mit Pferdefutter.

00:19:00: Nicht gerade klamurös

00:19:01: Aber lukrativ!

00:19:03: Bis moderne Verkehrsmittel zunehmend die Pferde verdrängten.

00:19:06: Josef wollte deshalb in seinem Haus am Josefsplatz ein imperiales Caféhaus eröffnen.

00:19:12: Die Konzession wurde zunächst verweigert unter Anderem wegen des nahen Fiakerstandes und der damit verbundenen Geruchsbelästigung.

00:19:19: Heute stehen dort die Taxis.

00:19:21: Die Geruchslage hat sich verändert.

00:19:23: Joseph Ebruster führte jedenfalls den finanziellen Ruin und nahm sich das Leben.

00:19:28: Für ihn war es offenbar das Ende seiner Zukunft.

00:19:32: Danach bekam sein Sohn Franz die Konzession und eröffnete mit seiner Mutter das Café Ebruster, in dem sich heute eine Bank befindet.

00:19:40: Bereits

00:19:40: mit elektrischem Licht – sehr modern für die damelige Zeit!

00:19:43: Und Theres war offenbar nicht zu stoppen und wollte das Haus zum Hotel ausbauen.

00:19:48: Die offizielle Berechtigung dafür hielt sie in den Enden.

00:19:52: Ich finde diese Frau beeindruckend….

00:19:54: Der Mann zerbricht am möglichen Ruin und sie muss mit dem Verlust weiterleben und gleichzeitig das Unternehmen hochziehen.

00:20:00: Sie fürchte auch nicht die Konkurrenz von gegenüber, wo der K&K-H-Fotograf Friedrich Schiller – ja, er hieß wirklich so!

00:20:07: Ein paar Jahre zuvor sein Hotel Bristol heute finanzamt eröffnet hatte.

00:20:11: Und in Sommergästen gefiel es, dass sie bei der Ankunft im Baden am Josefsplatz von zwar noblen Hotelriesen empfangen wurden, die ihnen mondänes Kurstadtflair vermitteln.

00:20:21: Genau solche Biografien wie die von Therese Ebruster stehen auf keiner großen Tafel.

00:20:26: Und erzählen trotzdem sehr viel über eine Stadt und Zeit, und ich darf ankündigen dass es in unserer Folge zehn um starke Frauen im Baden geht – inklusive Überraschungslivegast, auch eine starke Frau!

00:20:38: Und weil wir vorher auch schon über Frauen- und Arbeit gesprochen haben….

00:20:42: Es gibt noch eine zweite Geschichte, die guter zu passt … Die von Maria Hertik.

00:20:47: Genau, sie unterrichtete in ihrer Wohnung über mehr als vierzig Jahre hinweg

00:20:51: Sprachen.

00:20:52: Und nicht nur Englisch!

00:20:53: Die Dame unterrichterte hunderte junge und erwachsene Schüler außerdem in Latein, Französisch, Italienisch und

00:20:59: Tschechisch.

00:21:00: Ich kann auch in ca.

00:21:01: fünf Sprachen Bier bestellen!

00:21:03: Und das reicht dir im

00:21:04: Urlaub

00:21:04: Früher, ja – aber mittlerweile kann ich auch das Wort Café.

00:21:09: Aber zurück zur fleißigen Marie Hertik, die offenbar Jahrzehnt um Jahrzehn mit ihrem Wissen ihren Lebensunterhalt bestritten und bis ins hohe Alter unterrichtet hat.

00:21:18: Ohne Karrieresprung ohne Titel, ohne Nachhall

00:21:22: Seit 1957 kann man an der Volkshochschule Baden Sprachen lernen, allerdings ohne persönliche Betreuung einer multilingualen Polyglotin.

00:21:31: Das ist doppelt gemobbelt!

00:21:32: Du verwirst mich

00:21:33: verständlich.

00:21:34: jedenfalls Verstab Marie Hertig im Alter von 76 Jahren an einem Herzschlag.

00:21:40: Und plötzlich sitzt man wieder da und denkt, hinter irgendeiner Badener Tür hat vierzig Jahre lang eine Frau Unterricht gegeben und unzählige Leben mit einer Fremdsprache bereichert.

00:21:50: Und heute weiß fast niemand mehr ihren Namen.

00:21:52: Bis heute!

00:21:53: In der nächsten Geschichte geht es um eine Kopfbedeckung.

00:21:56: Im Oktober1944 verlor Familie Hornung bei einem Spaziergang einen großen braunen Filzhut.

00:22:03: ...klingt zunächst nicht weltbewegend...

00:22:05: Damals war ein guter Hut etwas Wertvolles.

00:22:08: Stimmt, also suchte man ihn per Inserat.

00:22:11: Genau!

00:22:11: Ein Ehepaar fand ihn und brachte ihm dem Ehepaar Hornung zurück.

00:22:15: Finderlohn: eine Mehlspeise.

00:22:17: Und aus dieser Begegnung entstand eine lebenslange Freundschaft zwischen den beiden Ehepaaren

00:22:22: wegen eines Hutes

00:22:23: Wegen Ehrlichkeit.

00:22:25: Heute würde jemand den Hut in eine Facebook-Gruppe stellen und fragen Wem gehört dieser Hut?

00:22:30: Dann schreibt die erste Person: nicht meiner.

00:22:32: Die zweite: Warum lässt man seinen Hut überhaupt liegen?

00:22:35: Die dritte: wenig hilfreiche eure Kommentare.

00:22:39: Und am Ende findet sich der Besitzer vielleicht trotzdem, ohne dem Finder eine Mehlspeise zu servieren und vermutlich auch ohne folgende Freundschaft.

00:22:47: Eine andere Geschichte beginnt mit einem verständlichen Wunsch und endet im Wirtshaus.

00:22:52: Mina Melich!

00:22:53: Die siebenundzwanzigjährige verdiente ihr Geld damit auf fremde Kinder aufzupassen und wollte selbst unbedingt eines...

00:23:00: Und eines Tages brachte sie einen vierjährigen Buben, den sie betreute einfach nicht mehr zurück.

00:23:06: Sie fuhr mit dem Kind nach Wien und versuchte unterzutauchen.

00:23:09: Doch die Polizei fanden sie erstaunlich schnell auch ohne Handyortung, Kameras an jeder Ecke, Bankomat-Spuren

00:23:15: in einem Wirtshaus in Ottakring

00:23:17: Österreichische Kriminalgeschichte beginnt manchmal im Baden und endet erstaundlich oft im Wirtshaus.

00:23:23: Dafür habe ich keine Statistik!

00:23:25: Dann sprechen wir jetzt über Café.

00:23:27: Fast dein Lieblingsthema

00:23:28: aber nur fast.

00:23:30: Nachdem 1841 der Badener Bahnhof eröffnet worden war, entwickelte sich die Gegend rundherum zu einem beliebten Treffpunkt – quasi zu einem Szeneviertel der Stadt!

00:23:40: Weil die Leute dort ankamen, abreisten und Neuigkeiten aus Wien mitbrachten.

00:23:45: Oft schneller als in der Zeitung standen.

00:23:49: Einige Bewohner im Bahnhofsnähe kamen auf die Idee, bei schönem Wetter Klappsessel in ihre Vorgärten zu stellen, Reisenden Kaffee und Kuchen anzubieten und sich damit ein bisschen Geld dazu zu verdienen.

00:24:00: Popup Café –

00:24:01: nur ohne diesen Namen!

00:24:03: Und ohne Konzeptagentur

00:24:05: Vermutlich.

00:24:06: Außerdem gab es noch das Bahnhofsrestaurant am Konrad von Hötzendorf Platz 12A, daß in Kombination mit dem Park zu einem gesellschaftlichen Hotspots wurde wo die Baderne sich vor oder nach der Zugfahrt gerne mit einer warmen Mahlzeit stärkten – in den Gazettenlasen oder den Konzerten im Barbillion am Erzherzog Wilhelmring I bis III lauschten.

00:24:27: An genau derselben Adresse spielte sich im Jänner 1947 eine Szene ab, die ich sehr bewegend finde.

00:24:34: Heinrich Schmidt kehrte aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück und seine Eltern warteten vor dem Haus und schlossen in dort in die Arme.

00:24:41: In der Zeitung hieß es, die ganze Nachbarschaft habe dabei zugesehen und

00:24:44: gejubelt.".

00:24:45: Das ist wieder so ein Bild für das man keine langen Erklärungen braucht!

00:24:50: Eine Begebenheit wenige Jahre zuvor lässt einen noch einmal begreifen was Krieg für den einzelnen Menschen bedeutet...

00:25:01: In

00:25:03: der Nachbarwohnung wohnte der 36jährige Josef Siegmund mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn.

00:25:09: Und Josef kümmerte sich ein bisschen um Alois,

00:25:12: fast wie ein älterer Bruder – dann wurden beide eingezogen!

00:25:16: Beide kamen nicht wieder.

00:25:18: Alles fiel am 30. Jänner 1944 in Italien und Josef.

00:25:22: fünf Wochen später an der Ostfront.

00:25:25: Hinter derselben Haustür warteten danach eine Großmutter auf ihren Enkel und eine junge Frau mit kleinen Kindern auf den Familienvater.

00:25:33: Das ist so viel greifbarer als irgendeine Zahl!

00:25:36: Wenn man sagt, Millionen Tote, kann der Kopf das irgendwann gar nicht mehr erfassen.

00:25:40: aber zwei Männer aus einem Haus schon, zwei Plätze die plötzlich leer bleiben.

00:25:45: Alltagsgeschichte macht aus Statistik wieder Menschen und das ist diese Folge unseres Podcasts in einem Satz.

00:25:52: Aber jetzt müssen wir wieder ein bisschen fröhlicher werden.

00:25:54: Du hast recht.

00:25:55: Kommen wir zur Unterhaltung, die war nämlich schon im neunzehnten Jahrhundert gern spektakulär!

00:26:00: 1893 drängten sich die Badener sensationslustig am Theaterplatz, um Karten für die Vorführung von Zenon Szymanski zu bekommen.

00:26:09: Er wollte mit einem riesigen Ballon aufsteigen und anschließend mit dem Fallschirm abspringen

00:26:14: Und die Leute zahlten, um möglichst nah dabei zu sein.

00:26:17: Auch da besteht kaum ein Unterschied zu heute.

00:26:20: Da machte einen etwas völlig Irrsinniges und könnte dabei sterben, und alle wollen zuschauen!

00:26:24: Die Badener Zeitung bezeichnete die Darbietung jedenfalls als eine der interessantesten Produktionen, die Baden gesehen habe.

00:26:32: Heute würde man die Darbetung live streamen und damit Millionen Views erzielen, während private Videos davon in den sozialen Medien viral gingen.

00:26:40: Und einer kommentiert sicher FAKE.

00:26:43: Die menschliche Schaulust brauchte allerdings schon damals keine lebensgefährlichen Stunts, um befriedigt zu werden.

00:26:48: Ein bisschen Reality-TV ohne TV gefällig?

00:26:52: Marie Spitzer!

00:26:54: Ihr Bekannter Johann König besuchte sie Anfang 1950, betrank sich mit Rum und schlug sie mit einem Stuhl als sie ihm nichts mehr nachschenken wollte.

00:27:04: Die Nachbarn haben sich – alles richtig laut wurde – vor dem Fenster der Frau versammelt und gegafft.

00:27:10: Erst als die Spitzerin verletzt am Boden lag riefen sie die Polizei.

00:27:14: Johann wurde verhaftet, Maria erholte sich

00:27:17: und wurde später selbst angezeigt

00:27:19: weil sie angeblich eine Frau aus Eifersucht niedergeschlagen hatte.

00:27:23: in dieser Geschichte ist niemand sehr konfliktscheu

00:27:25: kann man nicht behaupten.

00:27:26: zwei Jahre später zeigte sie außerdem ein Nachbar wegen Ruhrstörung

00:27:30: an der Puppendoktor Franz Laube.

00:27:33: den liebe ich fast so sehr wie die Ruberta.

00:27:35: Stell dir sein Leben vor, tagsüber sitzt er still da und setzt einer Puppe einen Arm wieder an.

00:27:40: Und nebenan fliegen verbal und möglicherweise auch sonst die Fetzen.

00:27:44: Marie hieß im Viertel jedenfalls danach nur noch "die Xanthippe"!

00:27:48: Das alte Baden war stellenweise wirklich eine Daily Soap

00:27:52: Nur langsamer um mit mehr Darstellern.

00:27:54: Weißt du was mir in all diesen Geschichten die wir heute erzählt haben am besten gefällt?

00:27:58: Was? dass niemand berühmt sein muss damit sein Leben erzählenswert ist?

00:28:02: Manchmal reichen Zeitungsinserate, die archiviert wurden

00:28:06: und Schwellen zwischen dem privaten und öffentlichen Leben der Menschen, die immer noch existieren.

00:28:11: Und wenn ihr beim nächsten Spaziergang durch Baden an einer alten Tür vorbeikommt schaut sie euch einmal genauer an!

00:28:17: Vielleicht seid ihr schon hundertmal daran vorbeigegangen und habt keine Ahnung wer dort gewohnt geliebt gestritten gearbeitet oder gewartet hat?

00:28:24: Das alte Baden wird nicht nur im Museum und in Büchern erzählt.

00:28:28: Manchmal steht es einfach am Straßenrand

00:28:30: mit abgeblättertem Lack

00:28:32: Ein bisschen schief

00:28:33: und voller Geschichten.

00:28:34: Man muss nur anklopfen!

00:28:35: Und dazu dein Buch "Badener Türen erzählen" lesen.

00:28:39: Damit verabschieden wir uns nun aus Baden, aus der wir heute den Alltag der Kurstadt anno dazumal in euer Wohnzimmer Auto oder dorthin woher gerade unseren Podcast hört gebracht haben.

00:28:50: Wenn euch auch diese Folge gefallen hat, teilt das Wissen macht gerne ein bisschen Werbung für uns abonniert unserem Podcast und schenkt uns einen Like.

00:28:57: Schaut auch auf Instagram vorbei.

00:29:01: Baden ist mehr als Kurpark und Caféhaus.

00:29:04: Und wir lieben diese Stadt, gerade deshalb reden wir darüber...

00:29:08: ...und hören nicht auf bis jemand zuhört!

00:29:10: Das war unsere heutige Folge Eine Erinnerung aus der Vergangenheit verbunden mit dem Heute in Baden bei Wien.

00:29:17: Danke fürs Zuhören und fürs Mitgehen auf diese kleine Zeitreise.

00:29:21: Wenn euch die Folge gefallen hat teilt sie, empfehlt unseren Podcast gerne weiter und hört auch beim nächsten Mal wieder rein wenn da unserer nächsten Geschichte Vergangenheid auf Gegenwart trifft.

00:29:31: Wir sind Silvia Eitler

00:29:33: und Gabriele Hassmann.

00:29:34: Und wir freuen uns, wenn ihr Baden auch künftig neu mit uns entdeckt!

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